Die Bücherverbrennungen der Nazis und die Gegenwart

Anläßlich des 80. Jahrestages der Bücherverbrennungen durch die Nazis im Mai werden viele Basisgruppen und der VVN an dieses Beispiel der Barbarei erinnern.
Doch wir dürfen den Bezug zur Gegenwart nicht verlieren.
Die öffentlich durch die Nazis demonstrierten Bücherverbrennungen waren nur die Spitze des Eisberges dieses kulturpolitischen Verbrechens. In der Folge sind weniger spektakulär, aber um so intensiver Bücher der klassischen deutschen Literatur vernichtet worden. Die Besitzer von Literatur linker Autoren sind nicht selten von der Gestapo verfolgt und in Gefängnisse und Konzentrationslager gebracht worden. Getrieben durch die Angst vor faschistischen Repressalien verschwanden zudem aus deutschen Bibliotheken und Haushalten hunderttausende von Büchern. Sie wurden in Kachelöfen verbrannt oder vergraben.
Davon hat mir mein Großvater Ernst August Paul Heiducoff, ein sozialdemokratischer Arbeiterveteran oft erzählt. Er selbst hatte Bücher, die andere verschwinden lassen wollten, an sich genommen. Dazu gehörten u.a. die Werke Heinrich Heines und Schriften August Bebels.
Doch die Vernichtung geistiger Werte bleibt nicht auf die Zeit der Nazidiktatur beschränkt. Wir Deutschen haben da viel jüngere Makel aufzuarbeiten.
Doch darüber werdet Ihr in unseren „liberalen“ Medien nichts finden. Ich jedoch kann Euch aus eigenem Erleben davon berichten. Es war in den Jahren 1989 und 1990 im Osten Deutschlands, also im Anschlussgebiet.
Wie es begann und wer es initiierte, weiß ich nicht. Vor den Buchhandlungen wurden kurz vor der Währungsunion Container aufgestellt. Die waren innerhalb weniger Stunden mit zumeist neuwertigen Büchern gefüllt. Die Leute, die in der Nähe wohnten, entsorgten ihre Bücherregale ebenfalls in diese Container. Es begann zu regnen. Bücher aller Genres wurden vernichtet. Sie hatten alle den Makel, von DDR-Verlagen heraus gegeben worden zu sein.
In den Dienststellen des öffentlichen Dienstes spielte sich ähnliche Szenarien ab. In den Kellern und später vor den Eingängen wurden Bücher, Zeitschriften und Zeitungen in großen Mengen entsorgt. Das betraf Fachbücher der Physik oder Chemie ebenso wie die Werke von Marx, Engels und Lenin oder die Sammelbände der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Wer auch immer all diese Schätze sinnlos entsorgte – es bleibt bis heute die Frage: wodurch wurde die entstandene Lücke gefüllt?
Vermutlich hatten sich die meisten der Leute, die diese Literatur wegwarfen, nie mit deren Inhalt beschäftigt. So war klar, dass sie auch keines Ersatzes bedurften. Mir tat all dies, was ich da beobachten musste, weh.
Die Allgemeinheit schien keine Notiz davon zu nehmen. Diese Vernichtung geistigen Reichtums kam in ihrer Dimension den Büchervernichtungen der Nazis gleich. In den Buchhandlungen wurde der Bestand mit überteuerten Taschenbüchern ersetzt. Und die Leute kauften. Wahrscheinlich haben sie auch diesen „Ersatz“ bis heute nicht gelesen.
Sie konnten ja nicht wissen, dass ganz andere Probleme auf sie warteten: der Kampf um die eigene Existenz und die ihrer Familien, die Abzockerei der Gebrauchtwagenhändler, die durch die Organisatoren von Spielen nach dem Schneeballsystem programmierten Verluste ihrer geringen Ersparnisse und schließlich die systematischen Betrügereien der Versicherungs- und Immobilienmakler und deren Klingelputzer.
Und was erleben wir in der Gegenwart?
Bücher made in GDR, Romane, Krimis, Bildbände und wissenschaftliche Literatur sind es wert, in die Papiertonnen geworfen zu werden. Kein Bücherantiquariat, kein Sammler investiert in diese Bücher. Hitlers „Mein Kampf“ oder Rosenbergs „Mythos des 20. Jahrhunderts“ sind dagegen begehrter denn je. Mit der Übernahme der Macht fanden die Nazis eine breite Palette hochwertiger Literatur vor. Sie wurde verlegt und veröffentlicht in den relativ liberalen Jahren der Weimarer Republik. Heute, in der Bundesrepublik des 21. Jahrhunderts ist es weit schwieriger, kritische Gedanken in Büchern oder in der Presse zu veröffentlichen. Die Verlage sind weitgehend gewinnorientiert. Eine nie da gewesene Ignoranz geistigen Eigentums. Die aktuellen Gedanken und Argumente von qualifizierten Kritikern der Regierungs-politik, der Friedensbewegung und anderer progressiv denkender Autoren finden einfach kein Medium. Statt dessen wird der Presse- und Büchermarkt mit Schund übelster Herkunft überschwemmt.
Medienfreiheit, so wurde mir von einem Verleger erklärt, ist die Freiheit der Verlage, selbst zu entscheiden, was veröffentlicht wird. Eine solche Auslegung der geschundenen Begriffe „Demokratie“ und „Freiheit“ läuft doch in der Konsequenz auf nichts anderes hinaus als auf die Zuteilung des „geistigen täglichen Brotes“ für  die Untertanen und damit auf die Einschränkung deren Mündigkeit. Das einzige freie Medium ist das Internet. Da kann man in Blogs relativ frei agieren. Aber da erreicht man nicht die Masse der Menschen.

Im Klartext: auch wir Friedensfreunde gehören zu denen, deren gute humanistische Ideen systematisch unterdrückt werden. Unsere potentiellen Zielgruppen, die Masse der kleinen Steuerzahler, werden wirtschaftlich immer mehr in die Zange genommen. Ihnen bleibt immer weniger Energie und Kraft, sich gegen den öffentlichen, von oben organisierten Widerstand durchzusetzen. Wir werden durch die mit dem Kapital der Herrschenden gesteuerten Medien voll gepumpt mit redundanten Schrottinformationen. Die Menschen werden manipuliert, damit sie müde sind, sich mit herausfordernden Argumenten auseinander zu setzen. Hier wird ein Volk geformt, das im wesentlichen aus unmündigen müden und „Ja – Sagern“ besteht. Diesem Volk kann man die letzten Groschen aus der Tasche ziehen, damit die Eliten des Neoliberalismus ihre Taschen noch mehr füllen können. Die Methoden der Manipulation der Menschen in unseren Tagen sind wesentlich qualifizierter, tiefgreifender und verzichten auf Kampagnen wie die der Bücherverbrennungen der Nazis.
Doch es geht damals wie heute um die Deformierung des freien Denkens und die möglichst unbemerkte Gefügigmachung der Menschen für die Ziele des Kapitals. Unsere Kinder und Enkel sollen nicht merken, dass die Eliten von heute bereits ihren Wohlstand von morgen verschwenden.
Merken sie nicht, dass sie es sind, die die unvorstellbaren Kapitalmengen, die in die Rüstungsindustrie, in die Kriege der Gegenwart und Zukunft sowie in die Euro-Rettung gepumpt werden, zurück zahlen müssen – mit Zins- und Zinseszins ???
Die Bücherverbrennungen der Nazis waren durchschaubar. Die Nazis haben offen und klar ihre barbarischen Ziele genannt. In Hitlers „Mein Kampf“ waren die Verbrechen vorgezeichnet.
Der Jahrhundertbetrug an unserer Jugend heute hingegen bleibt weitgehend im Schleier der politischen Tagesgeschäfte. Statt politischer Programme verbreiten die Medien belanglose Tagesereignisse.
Auf diese Weise werden die Gedanken fortschrittlicher und humanistischer Denker, aber auch realistischer Kritiker des Kriegskurses der Politik erstickt.
Man muss heute kein fortschrittliches Gedankengut öffentlich verbrennen, denn es ist kaum möglich, dieses zum Druck zu bringen.
Jürgen Heiducoff

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