Ein Chemiker zu Chemie-Waffen

Der Westen ist in Syrien eindeutig der Aggressor

Autor: Dr. rer. nat. Andreas Schell
Datum: 16. April 2018
Quelle: Rationalgalerie

Unser Autor ist Diplom-Chemiker, hat bis 1990 an der Technischen Universität München studiert und in interdisziplinärer Forschung zwischen anorganischer, organischer und analytischer Chemie seine Doktorarbeit angefertigt. Einige Jahre Erfahrung in der chemischen Industrie machten ihn sicher nicht zu einem Experten für chemische Waffen. Das Beherrschen der Grundprinzipien von chemischer Synthese und Analyse konnte er jedoch, wie viele seiner Fachkollegen, die von ähnlichen Zweifeln geplagt sein dürften, längst unter Beweis stellen. Seine heutige Profession hat er als selbständiger Unternehmer gefunden.

Die englischen, französischen und amerikanischen Streitkräfte haben in
der Nacht vom 13. auf den 14. April 2018 in Syrien Ziele bombardiert,
die angeblich mit der Produktion und der Lagerung von chemischen Waffen
zu tun haben. Für den angeblich zweifelsfrei bewiesenen Einsatz des
Kampfstoffes Nowichok gegen Herrn Skripal und seine Tochter wurden aus
diversen Ländern, auch Deutschland, zu einem sehr frühen Zeitpunkt
russische Diplomaten ausgewiesen. Ich habe zu diesen harschen Konsequenzen
als Chemiker Fragen, die aus meiner Sicht nicht gestellt, oder nicht
beantwortet wurden. Meine Unterstellung: es wird vom Westen gelogen,
dass sich die Balken biegen. Ziel: Krieg. Für den Frieden lügt keiner.
Ich habe das ebenfalls nicht vor, frage mich aber wohl, warum das so ist.
Drei meiner Punkte – es gibt mehr – seien im Folgenden dargestellt.

1. Wenn man in einem fremden Land eine Halle bombardiert, in der
„mutmaßlich“ chemische Kampfstoffe lagern, wird unweigerlich eine
Giftwolke freigesetzt. Abhängig von Art und Menge des chemischen
Kampfstoffs stellt diese eine tödliche, nicht kalkulierbare Gefahr für
möglicherweise viele Menschen dar. Gab es eine solche Wolke? Falls nein:
wie konnte man sich darüber vorab sicher sein? Falls ja: wo hin ist diese Wolke
denn gezogen? Nahmen die Verantwortlichen in USA, England, Frankreich
diese tödliche Gefahr, die einem Angriff mit chemischen Kampfstoffen
gleichkommt, billigend in Kauf? Oder war klar, dass in der Halle keine
chemischen Kampfstoffe lagern und es ging darum, dass Präsident Trump
nur sein Versprechen einzulösen hatte? Wie ist ein solcher Angriff
völkerrechtlich einzuordnen, speziell in Bezug auf die lokale
Gefährdungslage der Zivilbevölkerung?

2. Die OPCW bekam 2013 den Friedensnobelpreis für die glaubhafte
Vernichtung des Syrischen Chemiewaffenbestandes. Für die Regierung von
Präsident Assad ist seitdem vollkommen klar, dass der Einsatz von
chemischen Kampfstoffen zu internationalem Bombardement führt. Welche
Mechanismen haben versagt, dass es zu der angeblichen Wiederaufrüstung
mit chemischen Kampfstoffen kommen konnte? Welche Strategie könnte
Präsident Assad, der nicht dumm ist, haben, wenn er kurz vor der
kompletten Einnahme einer Syrischen Stadt durch seine Truppen
ausgerechnet auf eine kleine Gruppe Zivilisten, nicht mal Rebellen, eine
einzelne „Fassbombe“ abwerfen lässt, die angeblich das – im Gegensatz zu
Sarin oder Nowichok – nicht einmal sonderlich giftige Chlor frei setzt?
Woran starben die Opfer? Zur Einordnung der Giftigkeit von Chlor sei
angemerkt, dass der MAK-Wert für die Stockoxide in Diesel-Abgasen eine
dreimal höhere Giftigkeit als Chlor ausweist. Chlor steht nicht auf der
Liste chemischer Kampfstoffe. Im Brandfall sind in Wohngebäuden etliche
Substanzen denkbar, die einen für Laien ähnlichen Geruch und verätzende
Wirkung haben, z.B. Chlorwasserstoff aus PVC-Fenstern und Fußböden. Eine
Rauchgasvergiftung ist etwas anderes als der Einsatz von chemischen
Kampfstoffen und kommt als Todesursache für die Opfer in Duma in Frage.

3. Die englische Forschungseinrichtung Porton Down konstatiert bei
Blutproben und Proben von einer Türklinke eine „sehr reine Substanz, die
nur von staatlichen Stellen hergestellt werden kann“. Mir ist vollkommen
neu, dass „ein Staat“ für die Synthese eines Reinstoffs als erste
Adresse in Frage kommt. Kann irgendwo auf der Welt „der Staat“ besser
Reinstoffe herstellen als ein spezialisiertes Chemieunternehmen? Wenn
ja: wo? Wie isoliert man einen Reinstoff von einer Türklinke? In meiner
Welt kann man aus dem Abdruck einer (womöglich ungewaschenen)
menschlichen Hand ein wahres Meer von Verbindungen nachweisen. Der
Abstrich einer Türklinke dürfte sich nicht anders verhalten. Eine
Reinsubstanz könnte z.B. aus Porton Down selbst stammen und in die Probe
gemischt worden sein. Gerade der Befund, es handle sich um eine „sehr
reine Substanz“, ist mit Blick auf die Probennahme hoch verdächtig.
Ein kleiner Exkurs. Das Fachwissen englischer Chemiker gilt
ausbildungsbedingt im internationalen Vergleich als übersichtlich.
Experten mit übermenschlichen Fähigkeiten, speziell in der schon immer
aufwändigen und teuren, aber profitschwachen chemischen Analytik
vermute ich auf der Insel nicht, eben so wenig modernstes Equipment.
Ich hätte nur allzu gerne eine Liste der analytischen Methoden und Apparate
gesehen, die zum Einsatz kamen und unterstelle aus persönlicher Erfahrung,
dass da „nur mit Wasser gekocht wurde“. Die Schlussfolgerungen und
Konsequenzen gegen Russland können sich aus meiner Sicht überhaupt nicht
auf belastbare Tatsachen stützen.

4. Chemische Kampfstoffe sind dafür da, tödlich zu wirken. Herr Skripal
und seine Tochter sind auf dem Weg der Heilung. Was sagen denn die
beiden zu dem Vorfall? Die Dosis dürfte, falls es sich wirklich um einen
chemischen Kampfstoff handelte, extrem niedrig gewesen sein, was den
chemischen Nachweis entsprechend erschwert. Ich wünsche weiter gute
Genesung – von einer „mutmaßlichen“, schweren Fischvergiftung, die
man sich gerade in England an jedem Fish and Chips Verkauf holen kann.

Der Westen ist aus meiner Sicht eindeutig der Aggressor, verstrickt in
ein Netz aus leicht widerlegbaren Lügen. Die Dämonisierung
der russischen Föderation hat uns an den Rand eines Krieges gebracht.

Danke an Dr. rer. nat. Andreas Schell und die Rationalgalerie für diese fachkundige Aufkärung!

Markus

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